Abstracts

Ressourcenverbrauch und Effizienz – von technischen zu gesellschaftlichen Lösungen.

von Marina Fischer-Kowalski

Dieser Vortrag soll zwei Aufgaben dienen. Eine Aufgabe besteht darin, die dritte Achse des Nachhaltigkeitsdreiecks zum Thema zu machen und zu fragen, ob und unter welchen Umständen eine Steigerung des Wohlstands mit weniger Energie und Rohstoffen erzielt werden kann. Die andere Aufgabe bezieht sich auf den gesamten Bogen der Veranstaltung: versuchen, ihn noch einmal kenntlich zu machen und fragen, welche grundlegenden politischen Folgerungen aus der systemischen Gesamtsicht unter den aktuellen Strukturbedingungen zu ziehen sind, und welche neuen Chancen für eine zukunftsorientierte Politik sich da bieten..

(1) Ressourcenverbrauch und Effizienz

  • Effizienz – was ist das? Ein Verhältnis von Aufwand und Ertrag. Wie viel Output kann man mit einer Einheit Input erzielen? Wie lässt sich das steigern? Das ist hier die Kernfrage, die oft auch als Produktivitätsfrage formuliert wird – Arbeitsproduktivität, Ressourcenproduktivität… Mit gesteigerter Effizienz / Produktivität lassen sich Inputs sparen, das ist ganz trivial, und normale Folge technischen Fortschritts.
  • Nicht so trivial allerdings: Was betrachtet man als Ertrag? Techniker würden sagen: eine bestimmte Leistung. Wie viel Energie braucht man für eine bestimmte Menge Licht? Ökonomen würden sagen: ein bestimmtes Einkommen. Wie viel Energie braucht man für ein bestimmtes Volkseinkommen? Die Politik muss fragen: wie viel Energie braucht man für eine bestimmte Menge menschlicher Lebenschancen, menschlicher Lebensqualität?
  • Trends der technischen, ökonomischen und politischen Effizienzsteigerungen in der Vergangenheit, Rahmenbedingungen dafür; internationale Unterschiede und ihre Begründung.
  • Was sind die Grenzen der Strategie, mittels Effizienzsteigerung Ressourcen zu sparen? Wie trickst sich diese Strategie selbst aus (Jevon’s Paradox, Rebound Effekte)? Wie kann man durch Ausweitung des Gesichtsfeldes Möglichkeiten erkennen, diese Grenzen gesellschaftspolitisch zu überwinden?

(2) Aktuelle Strukturbedingungen: ein window of opportunity, neue Herausforderungen und Möglichkeiten für systembewußte, zukunftsorientierte Politik? Aktuelle Strukturbedingungen zum Beispiel:

  • nach Jahrzehnten der steten Verbilligung eine markante Verteuerung von Energie und Rohstoffen, die angesichts der Knappheitsbedingungen auch dauerhaft sein dürfte – damit öffentliche („Inflation“) Aktualisierung der Verteilungs-, Armuts- und Wohlfahrtsfragen. 
  • Zurückbleiben des Wirtschaftswachstums in den hoch entwickelten Industrieländern gegenüber vielen Entwicklungs- und Schwellenländern (Lateinamerika, Süd- und Südostasien) – also wirtschaftlicher Aufholprozess, neues Selbstbewusstsein in Ländern der Dritten Welt.
  • deutliche Anzeichen eines beginnenden Klimawandels und in Europa breite Akzeptanz der Notwendigkeit politischer Interventionen zum Schutz des Weltklimas, aber auch von Maßnahmen, die die Verletzlichkeit gegenüber bevorstehenden Klimaveränderungen verringern.

Entstehen hier Erfolgsvoraussetzungen für eine Politik, die nicht (vergeblich) um die Wiederherstellung des Status Quo ringt, sondern in Richtung einer neuen Great Transformation (Polanyi; PIK Nobelpreisträger Deklaration), einer dritten industriellen Revolution (Jänicke) zielt? Wer könnten die Träger einer solchen Politik sein? Was wären ihre Kernziele? Jedenfalls: aus dem Teufelskreis der gegenseitigen Bedingtheit von Lebensqualität, Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch auszubrechen.

Die Grenzen des Wandels: Ist moderne Demokratie fossile Demokratie?

von Daniel Hausknost

Wenn man die Dramatik des Klimawandels und die damit einhergehende Notwendigkeit eines radikalen Wandels des gesamtgesellschaftlichen Stoffwechsels akzeptiert, stellt sich sogleich die Frage der politischen Machbarkeit eines solchen Wandels. Und somit die Frage nach den Möglichkeiten moderner Demokratie, die Grundprinzipien kapitalistischer Produktion völlig neu zu definieren und gesellschaftliche Reproduktion komplett zu transformieren. Waren solche Fragen früher akademischer Natur, so sind sie heute überlebenswichtig.

Ich werde daher der Frage nachgehen, worin die Grenze demokratischer Veränderung bestehen und wo sie in etwa liegen. Diese Frage lässt sich ausloten, wenn man moderne Demokratie als ein ‚Wahrnehmungsregime’ versteht, als eine gewachsene Struktur, die ihre Persistenz aus der Art und Weise bezieht, wie sie die gesellschaftliche Wirklichkeit konstruiert. Dieses gesamte Konstrukt beruht, wie ich erläutern werde, letztlich auf der Verbrennung billiger fossiler Energie, mit der eine Wirklichkeitsmaschine in Gang gehalten wird, die den Staat von der tödlichen Pflicht der Definition von gesellschaftlichen Endzwecken entbindet. Moderne Demokratie ist daher fossile Demokratie. Kann es jedoch so etwas wie eine ‚nachhaltige Demokratie’, eine Demokratie der gesellschaftlichen Transformation, überhaupt geben? Und welche Kriterien müsste sie erfüllen?

Die Verteilung des Wohlstands - Trends und Möglichkeiten

von Markus Marterbauer

In Österreich ist der wirtschaftliche Wohlstand gemessen als laufendes Einkommen oder als Bestand an Vermögen auch im europäischen Vergleich– hoch und er ist auch in den letzten Jahren weiter gestiegen. So lag das reale Bruttoinlandsprodukt 2007 mit 241 Mrd. Euro um 33% über dem Niveau des Jahres 1995.

Allerdings nimmt die Ungleichheit der Verteilung des Wohlstandes zu. Die Bruttoeinkommen je Beschäftigten stagnieren seit 1995, die Lohneinkommen wachsen insgesamt nur, weil die (Teilzeit-) Beschäftigung kräftig steigt. Der Anteil der Lohneinkommen am gesamten Volkseinkommen (unbereinigte Lohnquote) geht kontinuierlich zurück. Hingegen nehmen die Einkommen aus Finanzvermögen und aus Immobilienvermögen, jene der Freiberufler und die Gewinne der Kapitalgesellschaften kräftig zu.

Die ungleiche Verteilung der Vermögen prägt in zunehmendem Ausmaß die Verteilung der Einkommen, aber auch jene von politischer und ökonomischer Macht. Das oberste Zehntel der Verteilung verfügt über 54% des Finanzvermögens, die untere Hälfte der Verteilung hingegen nur über 8%. Doch auch innerhalb der Lohneinkommen nimmt die Ungleichheit zu. Dem starken Wachstum der Einkommen höherer Angestellter steht eine ungünstige Entwicklung der Einkommen in den unteren Gruppen gegenüber, dazu zählen vor allem teilzeitbeschäftigte Frauen. Die unteren sozialen Schichten sind auch vom aktuellen Preisauftrieb besonders stark betroffen.

Das Wachstum der Wirtschaft ist in den letzten Jahren in nur geringem Ausmaß bei den unteren Einkommmensgruppen angekommen. Nur dadurch, dass eine zweite oder dritte Person im Haushalt Beschäftigung aufgenommen hat, gelang es, Realeinkommenszuwächse zu erzielen und den Abstand zu den oberen Einkommen nicht noch größer werden zu lassen. Dennoch gibt es klare positive Zusammenhänge zwischen Wirtschaftswachstum einerseits und Verteilung andererseits: Zum ersten führt höheres Wachstum des BIP zu steigender Beschäftigung und rückläufiger Arbeitslosigkeit und zum zweiten bewirkt es einen Anstieg der Abgabeneinnahmen und ermöglicht damit die Finanzierung der sozialen Dienstleistungen und Sozialtransfers, von denen die unteren Einkommensgruppen in besonderem Ausmaß profitieren. Umgekehrt hat eine gleichere Verteilung der Einkommen kurz- und langfristig positive Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum.

Das hohe Niveau des Wohlstandes bietet das Potential, für eine gerechtere Verteilung zu sorgen und emanzipatorische Schritte zu einer Entkoppelung von Wirtschaftswachstum und Lebensqualität zu setzen. Dafür bestehen einige zentrale Ansatzpunkte für die Wirtschafts- und Sozialpolitik:

  • Die Verkürzung der durchschnittlich geleisteten Arbeitszeit durch attraktivere Teilzeitjobs, den Ausbau von (Bildungs-) Karenzmodellen oder die Verlängerung des Urlaubsanspruchs.
  • Die Verbesserung des Angebots an sozialen Dienstleistungen, insbesondere durch den Ausbau der Kinderbetreuung und des Pflegesystems, sowie eine Reform des Bildungssystems.
  • Die Reform des Abgabensystems durch eine stärkere Besteuerung der rasch wachsenden Vermögen und der Vermögenseinkommen und eine Entlastung der Arbeitseinkommen.

Konsum und Lebensqualität: ein nachhaltiges Paar?

von Ines Omann

Konsum und hohe Lebensqualität (LQ) scheinen auf den ersten Blick zwei komplementäre Konzepte zu sein. Materieller Konsum (von z.B. Lebensmitteln, Reisen, Kleidung) erhöht das Wohlempfinden der KonsumentInnen und umgekehrt ermöglicht eine hohe materielle Lebensqualität, i.e. Wohlstand, den Konsum einer breiten Palette an Artikeln bzw. die freie Wahl deren. Auf den zweiten Blick allerdings ergibt sich ein anderes Bild. Konsum kann die LQ auch reduzieren und zwar:

(1)direkt, indem kaum mehr Zeit für Familie, Freunde, Muße oder Hobbies bleibt, indem Süchte (Kaufsucht, Drogensucht, Esssucht etc.) und daraus resultierende Krankheiten verstärkt werden oder indem man in die Tretmühle des „immer mehr haben wollens und sich mit anderen verlgeichens“ kommt (siehe z.B. Binswanger2006);

(2) indirekt, da Konsum durch den Verbrauch an Material, Energie und Fläche und durch Emissionen und verstärkten Abfall die Ökosysteme gefährdet und damit unsere Lebensgrundlage (da unser well-being von den Dienstleistungen dieser Systeme abhängt) bzw. durch hohe Preissteigerungen (wie wir sie derzeit erleben) auch das Wirtschaftssystem und die soziale Stabilität negativ beeinflusst. Diese Auswirkungen des Konsums führen zu einer nicht nachhaltigen Entwicklung.

Der Konsum selbst ist natürlich ein sehr vielschichtiger Begriff und bzgl. seiner Auswirkungen differenziert zu betrachten. Er hängt eng mit den Lebensstilen der Menschen und deren Bedürfnisse zusammen. Der Lebens- bzw. Konsumstil eines Menschen spiegelt die Strategien, mit denen er seine Bedürfnisse befriedigt, wider. Das Bedürfnis nach Anerkennung zum Beispiel kann durch den Besitz eines SUVs oder durch eine große Anzahl an FreundInnen erfüllt werden. Beide Strategien haben sehr unterschiedliche Energieverbräuche, damit unterschiedliche Auswirkungen auf den Klimawandeln, die Umwelt und unser aller LQ.

Hohe LQ ist nicht nur mit material- und energieintensivem Konsum erreichbar, da wir die Wahlmöglichkeiten zwischen verschiedenen unterschiedlich umweltintensiven Strategien zur Bedürfniserfüllung haben. Im Gegenteil, die gute Nachricht ist meiner Meinung nach, dass hohe LQ jetzt und in Zukunft und eine nachhaltige Entwicklung einander bedingen. Für eine hohe LQ brauchen wir intakte natürliche und sozio-ökonomische Systeme auf der Erde (also eine nachhaltige Entwicklung dieser) und umgekehrt ist eine hohe LQ für alle Menschen Voraussetzung für soziale Nachhaltigkeit. Die Umsetzung einer nachhaltigen Entwicklung bietet also DIE Chance, um einerseits auf den globalen Wandel zu reagieren und andererseits die LQ für heutige und zukünftige Generationen zu erhalten und zu erhöhen.

Dafür braucht es allerdings große strukturelle Veränderungen und ein Set an Maßnahmen auf verschiedenen Ebenen. Es braucht vom Staat gesetzte Rahmenbedingungen, die einen nachhaltigen Lebensstil fördern, einen Bewusstseinswandel in der Bevölkerung (Zunahme an LOHAS), offensive Kommunikation der Idee, dass nachhaltige Lebensstile glücklich machen (z.B in Werbekampagnen), die Vermittlung adäquater Konzepte (Entschleunigung, slowfood, simplify your life), sowie neue Methoden in der Wissenschaft.